Ursachen und Folgen von Weltwirtschaftskrisen

 

Wie kann es sein, dass es immer wieder zu verheerenden Weltwirtschaftskrisen kommt? Lernt die Menschheit bzw. die Politik und die Wirtschaftswissenschaft denn gar nichts aus den Katastrophen der Vergangenheit? Sind sie alle belehrungsresistent? Ziehen sie am Ende gar die falschen Schlüsse?

 

Seit der im 19. Jahrhundert beginnenden Industrialisierung gab es neben vielen kleineren Rezessionen drei schwere Weltwirtschaftskrisen:
1873 die sogenannte Gründerkrise,
1929 setzte die große Depression ein
und die 2008 ausbrechende Bankenkrise macht uns jetzt zu schaffen.

Wie unterscheiden sich diese Krisen voneinander, was haben sie gemeinsam?

 

Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise 1873
Auslöser für diese Krise waren auch damals eine überhitzte Investitionstätigkeit und großzügig vergebene Kredite, auf denen die Banken sitzen blieben. Hinter diesem offensichtlichen Auslösefaktor steckt aber mehr: Schon damals hatte man im Überschwung eines allgemeinen Freiheitsdranges auch im Wirtschaftsbereich auf den Liberalismus gesetzt - auf einen weltumspannenden Freihandel fast ohne Zölle.

In den Jahren zuvor waren in Deutschland durch die Reichsbildung bereits die unzähligen inländischen Zollgrenzen der Kleinstaaterei gefallen - was sich natürlich belebend auf die deutsche Wirtschaft auswirkte.
Diese einmalige Erfolgsgeschichte des Zollabbaus scheinen auch heute noch viele Entscheidungsträger falsch zu deuten. Denn durch den Wegfall der Binnenzölle ergab sich im gesamten deutschen Kaiserreich ein homogener Wirtschaftsraum mit gleichen Vorschriften, Steuergesetzen und Lohnniveaus.

Diesen innerdeutschen Freihandel auf die ganze Welt zu übertragen in der Hoffnung, er würde sich in ähnlicher Weise wirtschaftsfördernd auszahlen, erwies sich als großer Trugschluss - weil eben die Produktionsbedingungen und auch die Interessen der konkurrierenden Nationalstaaten sich höchst unterschiedlich gestalteten.
Dieser erste weltweite Freihandel geriet daher zum Desaster, die ohnehin schon niedrigen Hungerlöhne der Fabrikarbeiter wurden durch den internationalen Wettbewerb noch weiter runtergedrückt - was weltweit zu Kaufkraftverlust und Überproduktion führte.

Auch damals ging schon (wie heute) mit dem globalen Freihandel (Zollfreiheit) eine folgenschwere Begleiterscheinung einher: Die Verflechtung der Weltwirtschaft bedingte auch die Vernetzung der Finanzströme und Banken. Der Staat verlor dadurch seine Verfügungsgewalt über die Geldflüsse - die Realwirtschaft wurde zunehmend unkontrollierbar, weil ausländische Spekulanten und Finanziers immer mehr Macht und Einfluss erlangten.

 

Die Folgen der Weltwirtschaftskrise 1873
Indes haben die damaligen Politiker richtig reagiert, sie haben ihre Fehler erkannt und das unkontrollierbare wirtschaftliche Treiben der globalen Frühindustrialisierung über eine Anhebung der Einfuhrzölle eingedämmt. Dadurch konnten die Löhne in den einzelnen Nationalstaaten wieder steigen, es erhöhte sich die allgemeine Kaufkraft der Bevölkerung, die Wirtschaft kam in Schwung.

Besonders hohe Einfuhrzölle erhob damals übrigens die USA, die vermutlich nicht zuletzt aus diesem Grund rasch zur führenden Supermacht aufstieg (aufgrund der Schutzzölle waren die Lebensbedingungen dort oft besser als in Europa, was einen Einwanderungsboom auslöste).

 


Die Ursache der Weltwirtschaftskrise 1929
Die Situation vor der 1929 beginnenden Weltwirtschaftskrise ähnelte in verblüffender Weise der vor der Gründerkrise 1873. Wiederum war die Politik einer Art Globalisierungswahn erlegen - also Verzicht auf Zölle, nach dem Motto "es lebe der totale Freihandel". Spekulanten und Kapitalisten hatten nämlich längst begriffen, dass der Verzicht auf Zölle ihnen unbegrenzte Möglichkeiten bot (Kapitalistisches Ermächtigungsgesetz).

Wiederum führte der radikale Zollabbau zu den bereits bekannten Abläufen: weltweite Unterbietungskonkurrenz bei der Produktion und undurchschaubare Verzahnung der Finanzwelt. Die unkontrollierbaren Kredit- und Bankgeschäfte führten auch diesmal zu irrationalen Spekulationen vor allem an den amerikanischen Börsen. Auslösender Moment (aber eben nicht Ursache) war das Platzen dieser Aktienblase (die Kurse fielen innerhalb von 2 Jahren um 90 %).

 

Die Folgen der Weltwirtschaftskrise 1929
In den führenden Industrienationen brach die Wirtschaft ein. Alles ging bergab: die Vermögen der Aktionäre lösten sich rasch in Luft auf (die meisten Aktien waren auf Pump gekauft), die Kaufkraft stürzte ab, Firmen wurden ihre Waren nicht mehr los, gingen pleite oder mussten weite Teile der Belegschaft entlassen, die Löhne sanken und die Massenarbeitslosigkeit setzte ein.

Auch in dieser Krise haben die meisten Regierungen richtig reagiert: Sie kurbelten die Konjunktur über staatliche Programme an (investierten hauptsächlich in die Infrastruktur des Landes) und erhöhten gleichzeitig auch die Zölle.

Vor allem Deutschland beschritt bis 1933 einen Sonderweg: Die Regierung Brüning kürzte die Staatsausgaben (selbst die Arbeitslosenunterstützung wurde dramatisch abgesenkt) zwecks Haushaltskonsolidierung und um durch sinkende Preise die Exporte anzukurbeln. Umstritten ist, ob Brüning mit seiner harten Deflationspolitik auch das Ziel verfolgte, die Unerfüllbarkeit der von den Siegermächten geforderten Reparationszahlungen zu belegen.

Dass angesichts des unvorstellbaren Massenelends in der Weimarer Republik in den Novemberwahlen 1932 die NSDAP ein Drittel der Wählerstimmen einfing, ist meines Erachtens wenig verwunderlich.
Denn Hitler war es schließlich, der ein plausibles Konzept zur Behebung der Massenarbeitslosigkeit anbot (staatliche Investitionsprogramme). Tatsächlich war das Wirtschaftsprogramm der Nazis erfolgreich. Innerhalb von wenigen Monaten sank 1933 die Zahl der offiziellen Arbeitslosen von 6,2 auf 3,7 Millionen.

 

Geschichtsklitterung
Nun kommen manche Historiker immer wieder mit dem Einwand, Hitlers auf Pump finanzierte Wirtschaftsankurbelung sei unseriös gewesen, die Staatskredite hätten niemals zurückgezahlt werden können. Daraus wird abgeleitet, Hitler habe von vornherein einen Eroberungskrieg geplant, um sich so seiner Staatsschulden zu entledigen.

Ich halte diese Theorie für lächerlich! Schließlich haben andere Staaten auch im großen Stil Konjunkturprogramme aufgelegt, deren Finanzierung nicht weniger heikel war. Planten diese Länder etwa auch die Tilgung über einen Eroberungskrieg (dann erscheint die Kriegserklärung von England und Frankreich an Deutschland in einem ganz neuen Licht)?

Wie abenteuerlich erscheinen dann erst die heutigen Konjunkturprogramme und Staatsschulden, zum Beispiel der USA. Macht die USA sich ernsthafte Gedanken, wie sie das alles jemals zurückzahlen will?

Eine Rückzahlung der Nazi-Staatsanleihen wäre auch ohne Krieg kein sonderliches Problem gewesen - notfalls hätte man die Notenpresse angeschmissen (schon viele Staaten haben auf diese Weise sich ihrer Altlasten entledigt).
Verlierer sind in einem solchen Fall hauptsächlich die Besitzenden, deren Barvermögen entwertet wird (wie in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg).

Historiker die behaupten, eine Diktatur wie die der Nazis hätte nur mit Hilfe eines unberechenbaren kostspieligen Krieges die inländischen Schulden an die eigenen Bürger begleichen können, scheinen vom Geldwesen wenig zu verstehen oder versuchen bewusst, Geschichtsklitterung zu betreiben.

 

Geschichtsverfälschung auch bei der Zollanhebung?
Auch die Folgen der ab 1930 allmählich einsetzenden allgemeinen Zollanhebungen werden auffallend einseitig dargestellt. Natürlich wurde durch diesen Trend der Export stark zurückgedrängt. Aber sich allein auf diesen Absatzverlust zu konzentrieren erscheint mir mehr als dümmlich.
Denn der nachlassende Konkurrenzdruck von außen hat im Gegenzug zur erheblichen Stimulierung der Binnenwirtschaft beigetragen - wenn man so will zu einer
Normalisierung der Marktwirtschaft.

Zwar wurde der in Fahrt gekommene Abwärtstrend durch die neuen Zollmauern nicht abrupt gebremst (wie sollte er auch), aber es wurde immerhin eine gesunde wirtschaftliche Basis geschaffen, worauf die Unternehmer bauen konnten.
In der Gewissheit, dass von außen nicht mehr durch Dumpingpreise quergeschossen wird, konnten die Investoren wieder Vertrauen schöpfen - das Spiel der marktwirtschaftlichen Kräfte war für sie wieder überschaubar bzw. kalkulierbar.

Warum wird auch heute noch der Protektionismus der 1930er Jahre derart verteufelt? Die Antwort ist einfach: Es stecken einfach zu viele Interessen dahinter. Der Freihandel ist für alle Spekulanten und Kapitalisten Voraussetzung für abnorme Gewinne. Also werden historische Ereignisse gerne für Propagandazwecke genutzt. Die Geschichte wird so umgedeutet, wie man es gerne haben möchte - wohl wissend, dass die heutige Bevölkerung die komplexen Zusammenhänge der damaligen Zeit kaum durchschauen wird.

 


Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise 2008

Die auslösenden Momente für die derzeitige Weltwirtschaftskrise sind hinreichend bekannt: Eine durch ungesicherte Billigkredite aufgeblähte Immobilienblase in den USA brachte den Ball ins Rollen.

Aber auch hier liegen die eigentlichen Ursachen tiefer verborgen. Dem Bankenzusammenbruch voraus lag eine drei Jahrzehnte andauernde Freihandelsphase. Diesmal hatte der weitgehende Verzicht auf Importzölle besonders starke Auswirkungen, weil wie noch nie in der Geschichte zuvor völlig gegensätzliche Lohnniveaus aufeinanderprallten, in dessen Folge in den alten Industrieländern alle arbeitsintensiven Produktionsbereiche vernichtet wurden. Die Arbeitskosten in den Hochlohnländern lagen um den Faktor zehn bis zwanzig über denen der aufstrebenden Schwellenländer.

So kam es natürlich wie es kommen musste: Sämtliche lohnintensiven Arbeiten wurden ins Billiglohnland exportiert, während es bei den (oft nur über Subventionen geretteten) restlichen Industriearbeitsplätzen einen steten Lohnabbau gab.

In einem großen Weltmarkt kommt es also (welch Wunder) zu einer allmählichen Lohnangleichung: Bei den einen geht es ständig nur noch bergab, während es in den Schwellenländern langsam zu steigenden Löhnen kommt. Dieser Anpassungsprozess (eine der entscheidenden Ursachen der Weltwirtschaftskrise) würde sich theoretisch etwa über 150 bis 200 Jahre hinziehen, wenn nicht den alten Industriestaaten vorher die Luft ausgeht (wofür es schon jetzt ernste Anzeichen gibt).

 

Vertuschung der Folgen
Das wahre Ausmaß dieses steten Negativtrends wurde von den einzelnen Regierungen bislang geschickt vertuscht, indem zum Beispiel Arbeitslose in die Frührente, in ABM-Maßnahmen oder subventionierte Minijobs abgeschoben wurden. Ehrlich gerechnet fehlen in Deutschland mindestens zehn Millionen Vollzeitjobs, statistisch sind es derzeit gerade einmal 3,4 Millionen.

Auch bei der Lohnentwicklung wird kräftig getrickst - es wird verheimlicht, dass es trotz steten Produktivitätswachstums ständig bergab geht. Möglich sind diese Verschleierungen, weil die genialen technischen Fortschritte uns heute trotz aller politischer Fehler (trotz des Freihandels) immer noch einen recht hohen Wohlstand garantieren.

Dass der Lebensstandard heute allgemein auf doppelter Höhe wäre, wenn man alles beim alten gelassen und die Zölle nicht rigoros abgesenkt hätte, wird von den Bürgern selten wahrgenommen - auch weil das Vertrauen in die von der Kapitallobby betriebenen Medien immer noch ungebrochen ist.

 

Dem Freihandel folgten auch diesmal wieder die Finanzmärkte

Auch in einem anderen Punkt wiederholte sich die Geschichte. Die maßlose "internationale Arbeitsteilung" führte, wie schon bei den beiden Weltwirtschaftskrisen zuvor, wiederum zu einer unkontrollierbaren Aufblähung und Verschmelzung der Finanzmärkte und zu irrationalem Verhalten bei der Kreditvergabe.
In einer auf den Binnenmarkt ausgerichteten Volkswirtschaft würde es keiner seriösen Bank einfallen, ungeprüfte dubiose Hypothekenpakete aus fernen Erdteilen aufzukaufen.

 

Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrisen

Was also beim Vergleich der drei großen Weltwirtschaftskrisen immer wieder auffällt: Vor der Krise gab es jedesmal ein lange Phase des Freihandels (Zollverzichts), der zum übertriebenen Dumpingsystem führte und in vielen Ländern wichtige Produktionsbereiche ausrottete.

Einhergehend mit diesem Vernichtungswettbewerb eskalierten die internationalen Finanztransaktionen, die das gesamte Wirtschaftsgeschehen undurchschaubar und zum Eldorado von Glücksrittern und Spekulanten machten.

 

Folgen der Weltwirtschaftskrise 2008:

Wie geht es nun weiter, was wird aus der aktuellen Weltwirtschaftskrise?

Zunächst einmal scheint das Schlimmste überstanden. Mit gigantischen Konjunkturprogrammen, Bankbürgschaften und Zinsverbilligungen wurde der drohende Zusammenbruch der Weltwirtschaft vermieden. Doch ist man damit tatsächlich über den Berg? Kann jede Weltwirtschaftskrise heute ganz einfach über eine staatliche Geldschwemme überwunden werden? Ist es so einfach?
Oder führt die staatliche Intervention auf Pump geradewegs in die nächste Krise, in eine globale Staatsschuldenblase?

 

Die positiven Aspekte:

Eines stimmt beruhigend: Ein Massenelend wie zu früheren Zeiten scheint eher unwahrscheinlich, einfach weil die Produktivität sich inzwischen vervielfacht hat. Schwer vorstellbar, das bei dem heutigen hohen technologischen Entwicklungsstand die Menschen in der westlichen Welt frieren oder hungern müssen.

Beruhigend auch, dass das angesammelte Privatvermögen in den Hochlohnländern bei weitem die staatliche Verschuldung übersteigt - es ist also durchaus noch genug finanzielle Kraft und Substanz in den krisengeschüttelten Ländern vorhanden.

 

Aber wie stoppt man die Staatsverschuldung, wie erfolgt die Tilgung, wie die Haushaltskonsolidierung?

Die noch unbeantwortete Frage lautet, wie man trotz Mindereinnahmen mit der höheren Staatsverschuldung und den explodierenden Sozialkosten fertig wird.
Werden die Euroländer das Finanzproblem über die Notenpresse lösen wollen, wird die EZB womöglich ihre ehernen Geschäftsgrundlagen aufgeben und Staatsanleihen aufkaufen?
Kann der Euro überhaupt noch gerettet werden?

Eine Geldmengenvermehrung über die Notenpresse geht üblicherweise einher mit steigenden Zinsen. Ein hochverschuldeter Staat muss dann leicht die doppelte oder dreifache Menge für seine Schuldentilgung aufbringen. Er braucht also ständig mehr Geld - und dieser Teufelskreis kann leicht aus dem Ruder laufen.

Seriös wäre die herkömmliche Art der Sanierung der Staatsfinanzen: Abgabenerhöhungen und Ausgabenkürzungen. Aber dieser Weg gilt nicht gerade als wirtschaftsbelebend - vor allem weil man feststellen wird, dass mit dem vermeintlichen Wundermittel Reichensteuer wieder neue Probleme eingefangen werden.
Fazit: Alle werden sich einschränken müssen, es geht weiter bergab.

 

Die Weltwirtschaftskrise ist nicht das eigentliche Problem...

Also bleibt es bei dem, was ich mit meinen Publikationen seit über 20 Jahren zu verdeutlichen versuche:
Ausgangspunkt für alles Übel ist die übertriebene Globalisierung durch den Abbau der Zölle und der daraus resultierende weltweite Dumpingwettbewerb. Er hat dazu geführt, das in den alten Industriestaaten ein harter Kampf um die verbliebenen Arbeitsplätze entbrannt ist und die Reallöhne (im starken Gegensatz zur Produktivität) sinken.
Wenn es der Politik gelingt, diesen Irrweg zu verlassen und der Propaganda der Kapitallobby in diesem Punkt keine weitere Beachtung schenkt, wird es ein Leichtes sein, auch unsere Volkswirtschaft wieder auf Kurs zu bringen.

 

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© Manfred J. Müller, Flensburg, Juni 2009

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Manfred Julius Müller analysiert seit 30 Jahren weltwirtschaftliche Zusammenhänge und veröffentlichte unzählige Aufsätze zu den verschiedensten Themen. Er entwickelte neue Wirtschaftstheorien, die weltweit neue Maßstäbe setzten und in manchen Ländern in wichtigen Bereichen bereits die Gesetzgebung beeinflussten. Inzwischen sind auch einige Bücher erschienen, u. a. "Das Kapital und die Globalisierung".

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